image: Publication output: Early first-authorship in particular increases the likelihood of remaining academically active on the long term.
Credit: MPI for Human Development
Frauen beginnen heute häufiger als Männer eine wissenschaftliche Karriere in der Psychologie. Dennoch verlassen sie die Forschung deutlich häufiger, insbesondere in den ersten Jahren nach ihrem Einstieg. Das zeigt eine internationale Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Die Analyse von mehr als 78.000 wissenschaftlichen Karriereverläufen weist darauf hin, dass nicht der Zugang zur Wissenschaft, sondern der langfristige Verbleib die größere Herausforderung für Frauen darstellt.
Anders als in vielen Disziplinen der Naturwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Technik und Mathematik (MINT) stellen Frauen in der Psychologie seit Jahren die Mehrheit der Nachwuchswissenschaftlerinnen dar. Dennoch sind sie auf Professuren und anderen Spitzenpositionen deutlich seltener vertreten. Die neue Studie untersucht erstmals anhand einer weltweiten Langzeitanalyse, wann sich diese Unterschiede im Karriereverlauf entwickeln.
„In der Psychologie sind Frauen unter den Doktoranden und Postdoktoranden gut vertreten, doch weitaus weniger von ihnen erreichen die höchsten Karrierestufen”, sagt Erstautorin Xinyi Zhao, Postdoktorandin im Forschungsbereich Adaptive Rationalität des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. „Wir wollten verstehen, wann Frauen die Wissenschaft häufiger verlassen und welche Faktoren damit zusammenhängen.“
Höhere Ausstiegsraten zu Beginn der Karriere
Für die Studie analysierte das Forschungsteam die Publikationsverläufe von 78.216 Psycholog*innen weltweit, die zwischen 2000 und 2014 ihre wissenschaftliche Laufbahn begonnen hatten. Grundlage war die Datenbank Scopus. Als Indikator für eine aktive Forschungskarriere diente die wissenschaftliche Publikationstätigkeit. Forschende, die mindestens fünf Jahre lang keine wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlichten, galten als aus der aktiven Forschung ausgeschieden.
Die Analyse bestätigt zunächst einen bekannten Trend: Mehr als 60 Prozent der Neueintritte in die psychologische Forschung entfallen inzwischen auf Frauen. Dennoch sind Frauen im Durchschnitt kürzer wissenschaftlich tätig als Männer.
Die größten Unterschiede treten zwischen dem vierten und sechsten Jahr nach der ersten wissenschaftlichen Veröffentlichung auf. In dieser Phase steigt das Risiko, die Forschung zu verlassen, insgesamt deutlich an – bei Frauen jedoch stärker als bei Männern. Das Geschlechtergefälle ist etwa fünf Jahre nach Beginn einer wissenschaftlichen Laufbahn am stärksten ausgeprägt.
Bis zum 13. Karrierejahr hatte rund die Hälfte der Wissenschaftlerinnen ihre Publikationstätigkeit beendet. Bei den Männern wurde dieser Punkt erst etwa fünf Jahre später erreicht.
Die Zahl der Veröffentlichungen allein erklärt das Geschlechtergefälle nicht
Um mögliche Ursachen zu untersuchen, berücksichtigte das Forschungsteam eine Reihe von Faktoren, darunter Publikationsleistung, Zitierungen, Kooperationsnetzwerke sowie institutionelle Merkmale wie die wissenschaftliche Reputation der jeweiligen Einrichtung.
Der stärkste Prädiktor für den langfristigen Verbleib in der Forschung war die frühe Publikationstätigkeit. Insbesondere war eine hohe Zahl an Erstautorenschaften – also Publikationen, bei denen Forschende die Hauptverantwortung tragen – mit einer höheren Wahrscheinlichkeit verbunden, wissenschaftlich aktiv zu bleiben. In späteren Karrierephasen gewann die Zahl der Letztautorenschaften als Hinweis auf wissenschaftliche Eigenständigkeit und Führungsverantwortung an Bedeutung. Kollaborationsnetzwerke und institutionelle Rahmenbedingungen standen ebenfalls mit dem Verbleib in der Wissenschaft in Zusammenhang. Diese Zusammenhänge fielen jedoch deutlich schwächer aus.
Auch nach Berücksichtigung dieser Faktoren blieb die Wahrscheinlichkeit eines Ausstiegs für Frauen höher als für Männer. Der Unterschied zeigte sich vor allem in den ersten Jahren der wissenschaftlichen Laufbahn.
„Unsere Ergebnisse sprechen nicht für Unterschiede im wissenschaftlichen Potenzial“, sagt Zhao. „Sie deuten vielmehr darauf hin, dass strukturelle Bedingungen und Herausforderungen in bestimmten Lebensphasen die Karrierewege von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlich beeinflussen.“
Hinweise auf strukturelle Ursachen
Warum Frauen häufiger aus der Forschung ausscheiden, lässt sich anhand der vorliegenden Daten nicht direkt beantworten. Informationen zu Familiengründung, Betreuungsverantwortung oder individuellen Karriereentscheidungen standen für die Analyse nicht zur Verfügung.
Hinweise liefert jedoch eine weitere aktuelle Studie unter Leitung von Zhao. Die Studie stützte sich auf eine Umfrage unter mehr als 8.000 Forschern und Forscherinnen mit Kindern aus 119 Ländern. Die Ergebnisse zeigen, dass eine frühe Elternschaft bei Frauen mit größeren Unterbrechungen der beruflichen Laufbahn verbunden ist als bei Männern. Frauen verschieben Familiengründungen häufiger bis nach der Promotion. Wenn Elternschaft in die Promotionsphase fällt, sind die Chancen geringer, die Promotion abzuschließen, eine hohe wissenschaftliche Sichtbarkeit zu erreichen und langfristig in der Forschung zu bleiben.
„Die beiden Studien ergänzen sich“, sagt Zhao. „Unsere aktuelle Arbeit zeigt, wann Frauen die Forschung häufiger verlassen. Die Umfrageergebnisse deuten darauf hin, dass die Herausforderungen, eine akademische Karriere mit der Gründung einer Familie in Einklang zu bringen, möglicherweise einen wesentlichen Teil der Erklärung ausmachen.“
Das Forschungsteam kommt zu dem Schluss, dass die Forschungspolitik der frühen Karrierephase mehr Gewicht beimessen sollte. Mentoring-Programme, transparente Bewertungsverfahren und bessere Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Forschung und familiären Verpflichtungen könnten dazu beitragen, langfristig mehr Frauen in der Wissenschaft zu halten.
Die Ergebnisse lenken den Blick auf einen bislang wenig beachteten Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit in der Wissenschaft: Während sich die Diskussionen oft auf den Zugang von Frauen zu akademischen Laufbahnen konzentrieren, deutet die Analyse darauf hin, dass die entscheidenden Hindernisse erst später auftreten. In Folgestudien wollen die Forschenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit direkt zu ihren Karriereentscheidungen und Erfahrungen befragen.
Auf einen Blick:
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78.216 Karriereverläufe analysiert: Die Studie untersucht weltweit die wissenschaftlichen Laufbahnen von Psycholog*innen, die zwischen 2000 und 2014 ihre Karriere angefangen haben zu publizieren.
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Frauen sind beim Einstieg in dieses Fachgebiet gut vertreten: Frauen machen mehr als 60 Prozent der Neueinsteiger in der psychologischen Forschung aus.
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Frühe Karrierephase entscheidend: Die größten Unterschiede beim Verbleib in der Forschung zeigen sich etwa fünf Jahre nach der ersten wissenschaftlichen Veröffentlichung.
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Publikationsleistung wichtig: Vor allem frühe Erstautorenschaften erhöhen die Wahrscheinlichkeit, langfristig wissenschaftlich aktiv zu bleiben.
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Geschlechterunterschied bleibt bestehen: Selbst wenn Publikationsleistung, Kooperationsnetzwerke und institutionelle Rahmenbedingungen vergleichbar sind, verlassen Frauen die Forschung häufiger als Männer.
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Strukturelle Faktoren wahrscheinlich: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass andere Faktoren – wie beispielsweise die Gründung einer Familie oder institutionelle Rahmenbedingungen – die Karriereverläufe von Forscherinnen und Forschern unterschiedlich beeinflussen.
Originalpublikationen:
Zhao, X., Thoma, A. I., Hertwig, R., & Wulff, D. U. (2026). Mapping the gender attrition gap in academic psychology. American Psychologist. Advance online publication. https://doi.org/10.1037/amp0001778
Zhao, X., Derrick, G. E., Sugimoto, C. R., & Larivière, V. (2026). Starting a PhD and becoming a parent: Gendered life-course trajectories in academic careers. Higher Education. Advance online publication. https://doi.org/10.1007/s10734-026-01668-4
Journal
American Psychologist
Method of Research
Data/statistical analysis
Subject of Research
People
Article Title
Mapping the Gender Attrition Gap in Academic Psychology
Article Publication Date
29-Sep-2026