image: Although the ways in which children help their peers show subtle local nuances, the foundations of this behaviour are shared across cultures.
Credit: © Henriette Zeidler
Auf den Punkt gebracht
- Kinder helfen überall: Eine kulturvergleichende Studie mit 336 Kindern im Alter von vier bis neun Jahren aus sechs sehr unterschiedlichen Populationen in Europa, Afrika und Südamerika zeigt, dass Kinder Gleichaltrigen verlässlich helfen.
- Feines Gespür für Bedarf: Kinder halfen eher dann, wenn ihr Gegenüber tatsächlich Unterstützung brauchte, und passten ihr Verhalten mit zunehmendem Alter immer gezielter an.
- Zwei Arten zu helfen: Über alle Kulturen hinweg unterstützen Kinder andere vor allem durch praktische Hilfe beim Lösen von Problemen. Mit zunehmendem Alter setzen sie jedoch eher auf verbale Erklärungen.
- Lokale Prägung: In allen Gruppen war das grundlegende Muster auffallend ähnlich. Dennoch zeigten sich kleine, aber konsistente kulturelle Unterschiede: So kombinierten deutsche Kinder deutlich häufiger praktische Hilfe mit gleichzeitigen Erklärungen als Kinder in anderen Gruppen.
Eine neue Studie eines internationalen Forschungsteams liefert erstmals einen systematischen kulturvergleichenden Überblick darüber, wie Kinder Gleichaltrigen helfen. Die bisherige Forschung konzentrierte sich vor allem darauf, wie Kinder Erwachsenen helfen, häufig im familiären Umfeld. Interaktionen unter Gleichaltrigen spielen im sozialen Leben von Kindern jedoch ebenfalls eine wichtige Rolle, die bislang deutlich weniger erforscht wurde.
Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, der Sapienza Universität in Rom, der Universität Leipzig, der University of Portsmouth, der University of Plymouth und der Duke University untersuchten 336 Kinder im Alter von vier bis neun Jahren aus sechs kulturellen Gruppen: Deutsche, Wichí in Argentinien, ≠Akhoe Hai||om in Namibia, Samburu und Kikuyu in Kenia sowie Quechua in Bolivien. Die Stichprobe umfasste sowohl größere industrialisierte Gesellschaften als auch kleinere Gemeinschaften von Jägern und Sammlern, Ackerbauern und Hirten. Dadurch konnte das Team das Verhalten von Kindern beim Helfen in sehr unterschiedlichen sozialen und wirtschaftlichen Kontexten untersuchen.
Ein einfaches Spiel macht einen universellen Impuls sichtbar
Um spontanes Helfen bei Kindern zu erforschen, entwickelten die Wissenschaftler:innen einen spielerischen Versuchsaufbau, der in allen Kontexten ähnlich funktionieren sollte. Jeweils zwei gleichaltrige Kinder spielten abwechselnd ein Murmelspiel. Dabei beobachtete ein Kind, wie das andere auf Schwierigkeiten stieß, zum Beispiel, wenn sich eine Kiste nicht öffnen ließ oder Murmeln aus einem Behälter auf den Boden fielen. Da das beobachtende Kind zuvor gelernt hatte, wie sich beide Probleme lösen lassen, konnte es entscheiden, ob und wie es helfen wollte: indem es die Lösung erklärte, selbst eingriff oder beides tat.
„Diese Aufgabe hat uns auf sehr direkte und vergleichbare Weise gezeigt, wie Kinder einander helfen, wenn sie die Gelegenheit dazu haben“, sagt Erstautorin Henriette Zeidler, Forscherin an der Sapienza Universität in Rom. „Auffällig war sofort, wie ähnlich die Reaktionen der Kinder waren – unabhängig davon, wo sie aufgewachsen sind.“
Hilfe, die zum Bedarf passt
In allen sechs Kulturen halfen Kinder ihren Spielpartnerinnen und -partnern verlässlich – und zwar dann, wenn Unterstützung tatsächlich nötig war. So griffen sie beispielsweise eher ein, wenn ein anderes Kind Schwierigkeiten hatte, eine Kiste zu öffnen, als wenn es verstreute Murmeln aufsammelte, was sich problemlos allein bewältigen ließ. Mit zunehmendem Alter wurde dieses Gespür für den tatsächlichen Bedarf des Gegenübers noch ausgeprägter.
Während jüngere Kinder in beiden Situationen ähnlich häufig halfen, sparten ältere Kinder ihre Unterstützung zunehmend für Momente auf, in denen sie wirklich einen Unterschied machten. Auch die Art der Hilfe veränderte sich im Laufe der Entwicklung. Jüngere Kinder leisteten vor allem praktische Unterstützung und erledigten die Aufgabe für das andere Kind. Ältere Kinder gaben dagegen häufiger Informationen weiter, beispielsweise indem sie erklärten, wie ein Problem gelöst werden kann.
Kulturelle Feinabstimmung in einem gemeinsamen Muster
Trotz der insgesamt großen Übereinstimmung zeigte die Studie feine, aber eindeutige kulturelle Unterschiede beim Helfen. So kombinierten deutsche Kinder deutlich häufiger als Kinder aller anderen Gruppen beide Formen der Hilfe: Sie lösten das Problem und erklärten gleichzeitig, was zu tun war. Kikuyu-Kinder wiederum waren etwas weniger geneigt, praktische Hilfe zu leisten als Kinder der anderen untersuchten Kulturen.
„Diese Muster spiegeln die alltäglichen Interaktionen wider, mit denen Kinder vertraut sind“, erklärt Zeidler. „In vielen ländlichen, subsistenzwirtschaftlich geprägten Gemeinschaften lernen Kinder vor allem durch Beobachten und Mithelfen, oft mit wenig verbaler Erklärung. In Deutschland und vergleichbaren Kontexten verbinden Eltern praktische Anleitungen dagegen häufig mit ausführlichen verbalen Erklärungen. Kinder scheinen diesen Ansatz zu übernehmen, wenn sie Gleichaltrigen helfen.“
Wichtig ist: Die Forschenden fanden im Hilfsverhalten keine relevanten Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen. Auch die kulturellen Unterschiede, die sich zeigten, waren insgesamt eher moderat. Keine der sechs untersuchten Gruppen wich deutlich vom kulturübergreifenden Muster ab.
Grundlegende Gemeinsamkeiten, lokal unterschiedliche Umsetzung
Eine sorgfältig standardisierte experimentelle Aufgabe in Kombination mit einer sehr vielfältigen kulturvergleichenden Stichprobe ermöglicht nun einzigartige Einblicke in die Frage, wie tief verwurzelt und zugleich flexibel das Hilfsverhalten von Kindern ist. „Helfen ist eine der deutlichsten Ausdrucksformen menschlicher Kooperationsfähigkeit“, sagt Daniel Haun, einer der Seniorautoren der Studie und Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Unsere Daten zeigen, dass diese Fähigkeit bei Kindern überall verlässlich zum Vorschein kommt, aber durch die jeweilige soziale Umwelt, in der ein Kind aufwächst, Feinabstimmungen erfährt. Kinder lernen nicht nur, ob sie helfen sollen. Sie lernen auch, wie sie auf eine Weise helfen, die in ihrer eigenen Gemeinschaft sinnvoll ist.“
Journal
Proceedings of the National Academy of Sciences
Article Title
Children from six cultures reliably help their peers - but in different ways
Article Publication Date
28-Sep-2026