News Release

Was Eisangel-Wettbewerbe über menschliche Entscheidungen verraten

Großangelegtes Feldexperiment mit finnischen Eisangler*innen erforscht menschliche Entscheidungsstrategien

Peer-Reviewed Publication

Max Planck Institute for Human Development

image: 

Equipped with GPS watches and portable cameras, the ice fishers headed out onto the lake. They recorded their routes, movements, catches, and the start and end of each fishing attempt.

view more 

Credit: Petri T. Niemelä

Das internationale Forscherteam nutzte GPS-Uhren und tragbare Kameras, um das Verhalten von 74 erfahrenen Eisangler*innen bei Wettkämpfen in Ostfinnland zu beobachten. Bei insgesamt 477 Angeltripsauf zehn unterschiedlichen Seen erfassten sie mehr als 16.000 Entscheidungen, an welchem Ort geangelt und wann ein Standort verlassen wird. Mit diesen hochaufgelösten Bewegungs- und Kontextdaten erstellten die Forschenden computergestützte Modelle, um die zugrundeliegenden Entscheidungsprozesse zu verstehen.  

Soziale Information als Kompass – aber nicht immer 
Die Auswertung zeigt: Eisangler*innen kombinieren drei Arten von Informationen – persönliche Fangerfahrungen, Verhalten anderer Teilnehmender sowie ökologische Merkmale wie die Beschaffenheit des Seegrunds.   

„Ob Menschen sich eher auf andere oder auf sich selbst verlassen, hängt zu einem gewissen Grad von ihrem eigenen Erfolg ab“, sagt Erstautor Alexander Schakowski, Postdoktorand am Forschungsbereich Adaptive Rationalität des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Wer Fische fängt, verlässt sich eher auf sein eigenes Wissen; wer erfolglos bleibt, orientiert sich stärker an anderen Angelnden. 

Nach einem Fang suchen Angler*innen verstärkt in der direkten Umgebung („area-restricted search“). In Gebieten mit hoher Teilnehmerdichte verstärkt sich dieser Effekt. Die Entscheidung, einen Platz zu verlassen, folgt meist simplen Regeln:  Jemand, der schon lange keinen Fisch mehr gefangen hat, wird eher weiterziehen. 

Unterschiede zwischen Alter und Geschlecht 
Teilnehmende unterschieden sich stabil darin, wie stark sie soziale Informationen nutzen und erfolglose Bereiche meiden. Beispielsweise verließen sich Frauen stärker auf soziale Informationen als Männer, während ältere Teilnehmende länger an Orten blieben und erfolglose Gebiete weniger mieden. Fischreiche Seen veranlassten Angelnde dazu, schneller den Standort zu wechseln. 

Bedeutung für Forschung und Praxis 
Die Herangehensweise – hochpräzise Feldmessungen kombiniert mit simulationsbasierten Entscheidungsmodellen – bietet zudem eine Blaupause für künftige Untersuchungen menschlicher Kognition unter realen Bedingungen. „Wir wollten raus aus dem Labor. Die in der kognitiven Psychologie üblicherweise verwendeten Methoden lassen sich nur schwer auf große, reale soziale Kontexte übertragen. Deshalb haben wir uns von Studien zum kollektiven Verhalten von Tieren inspirieren lassen, bei denen routinemäßig Kameras zur automatischen Aufzeichnung des Verhaltens und GPS zur kontinuierlichen Erfassung der Bewegungsdaten großer Tiergruppen eingesetzt werden“, sagt Projektleiter Ralf Kurvers. Er ist Senior Research Scientist am Forschungsbereich Adaptive Rationalität des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und Principal Investigator am Exzellenzcluster „Science of Intelligence“ der TU Berlin.  

„Unsere Ergebnisse helfen uns nicht nur, das menschliches Suchverhalten in komplexen Umgebungen zu verstehen, sondern unsere Methode könnte auch im Ressourcen- und Naturschutzmanagement getestet werden – beispielsweise um zu verstehen, wie sich ‘Hotspots’ bilden und wie eine Übernutzung – in diesem Fall Überfischung – möglicherweise verhindert werden kann“, ergänzt Co-Autor Raine Kortet, Professor für Gewässerökologie an der Universität Ostfinnland in Joensuu.  

Auf einen Blick: 

  • Eisangel-Wettbewerbe als Modell für Entscheidungsforschung: Ein internationales Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, des Exzellenzclusters „Science of Intelligence” der TU Berlin und der Universität Ostfinnland in Joensuu organisierte Eisangel-Wettbewerbe in Ostfinnland, um menschliche Entscheidungen zur Nahrungssuche in freier Natur zu untersuchen, inklusive Einfluss von sozialer Umgebung, persönlicher Erfahrung und Umweltinformationen. 

  • Teilnehmende und Wettbewerbe: Insgesamt nahmen 74 erfahrene Eisangler*innen über zwei Jahre an zehn dreistündigen Wettbewerben auf zehn Seen in Ostfinnland teil; dabei wurden 477 individuelle Angeltripsund 16.055 Entscheidungen zu Angelplätzen erfasst. 

  • Interaktion von persönlicher Erfahrung und sozialen Hinweisen: Erfolgreiche Angler*innen vertrauten stärker auf eigene Erfolge, während weniger erfolgreiche Teilnehmende die Präsenz anderer als Indikator für lohnende Plätze nutzten; Umweltinformationen hatten nur geringen Einfluss. 

  • Regeln fürs Bleiben oder Weiterziehen: Die Entscheidung einen Angelplatz zu verlassen, hängt vor allem davon ab, wie lange man nichts fängt. Der erste Fang sorgt dafür, dass man länger bleibt. Sind viele andere Angler*innen da, bleibt man ebenfalls eher. 


Disclaimer: AAAS and EurekAlert! are not responsible for the accuracy of news releases posted to EurekAlert! by contributing institutions or for the use of any information through the EurekAlert system.